Adipositas: Lifestyle-Problem oder chronische Erkrankung?

Dienstag, 03. März 2026, im Hotel Bellvue Palace, Bern

Moderation:
Dr. René Buholzer

Auf dem Podium:
Doris Fischer-Taeschler und Gabriela Fontana, Allianz Adipositas Schweiz
Prof. Dr. Simon Wieser, ZHAW
Dr. med. Bettina Balmer, Nationalrätin
Patrick Hässig, Nationalrat
PD Dr. Eleonora Seelig, Leiterin Adipositas Zentrum und Diabetes

Das Thema ist zurzeit omnipräsent – in den Medien und in alltäglichen Gesprächen. Influencer und Börsenanalysten sprechen davon, es geht um hohe Kosten und Fairness, um Schönheitsideale und Gesellschaftsphänomene, die Rede ist von Adipositas und den relativ neu auf dem Markt vorhandenen Therapie-Medikamenten. «Adipositas: Lifestyle-Problem oder chronische Erkrankung?» lautete das Thema des März-Events des Club Politique, der passenderweise einen Tag vor dem Welt-Adipositas-Tag vom 4. März stattfand. Die Absicht dieses Tages – das Bewusstsein für Adipositas als chronische Erkrankung zu stärken und die laufend passierende Stigmatisierung abzubauen – prägte auch den Inhalt der drei Referate im Hotel Bellevue Palace.

 

Gabriela Fontana, Geschäftsführerin von Allianz Adipositas Schweiz ALLOB, legte in ihrem Vortrag vor allem Wert auf eine exakte Definition von Adipositas als einer chronischen, komplexen, multifaktoriellen und progressiven Krankheit. Von Adipositas wird gemäss WHO bei einem Body Mass Index von über 30 gesprochen. 43 Prozent der erwachsenen Schweizerinnen und Schweizer weisen Übergewicht auf, zwölf Prozent davon mit Adipositas. Ein weiteres grosses Problem sind auch die durch Adipositas ausgelösten Folgeerkrankungen wie Stoffwechselkrankheiten, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Erkrankungen des Bewegungsapparates und gewisse Krebsarten. Die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen geschieht gemäss Fontana, weil Adipositas nicht als Krankheit gesehen wird, sondern als Selbstverschulden und weil die Krankheit gut sichtbar sei. Der Zugang zu einer adäquaten Therapie für Betroffene gestaltet sich schwierig, da z.B. die medikamentöse Therapie von Spezialisten und Spezialistinnen verschrieben werden muss, von denen es in der Schweiz nicht so viele gibt, so entstehen lange Wartezeiten für einen Termin. Die Diskussion über die Kosten der Therapie wird nur einseitig geführt, da nur auf die unmittelbar entstehenden Gesundheitskosten geschaut wird und nicht auf allfällige Einsparungen von Gesundheitskosten, in dem Folgeerkrankungen durch eine frühzeitige, adäquate Therapie verhindert werden können oder die sozioökonomischen Einsparungen, durch Verhinderung von Arbeitsausfällen.

 

Simon Wieser, Leiter des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie ZHAW, hat im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG eine Studie über die gesellschaftlichen Kosten von Adipositas erstellt, die er im Club vorstellte und die im Internet eingesehen werden kann (https://www.zhaw.ch/de/forschung/projekt/74113). In Kürze festhalten lasse sich gemäss Wieser dies: Die Kosten von Übergewicht und Adipositas seien vor allem die Auswirkungen von Folgekosten der verursachten Folgekrankheiten. Die gesellschaftlichen Kosten umfassten nicht nur die Gesundheitskosten, sondern auch die Produktionsverluste und die verlorenen gesunden Lebensjahre. Und obwohl die Prävalenz in den Altersgruppen stabil sei, stiegen die Gesundheitskosten wegen steigender Kosten pro Person und dem zunehmenden Anteil älterer Personen.

 

PD Dr. Eleonora Seelig, Leiterin des Adipositaszentrums am Universitätsspital Basel, sprach in ihrem Vortrag zum Thema «die Bedeutung der Adipositasversorgung aus Public Health Sicht» vor allem über zunehmende Mortalität und Folgeerkrankungen. Und sie zeigte detailliert mögliche Therapie-Ansätze auf, die in die drei Säulen Lebensstil-Intervention (Ernährungsumstellung etc.), medikamentöse Therapie (vor allem die bekannten GLP1-basierten Medikamente) und bariatrische Chirurgie (Magen-Bypass, Sleeve-Gastrektomie) gegliedert sind. Punkto der namensmässig mittlerweile allgemein bekannten Medikamente wie Wegovy sprach Seelig von einem «Gamechanger». Zumal solche Präparate weitere positive Effekte wie eine Abnahme von Schlaganfällen und einen Rückgang von Leberverfettungen und Nierenerkrankungen erzeugen könnten. Doch sie verhehlte ebenfalls nicht, dass es generell noch mancherlei Unklarheiten gebe. Aktuell werden die Kosten solcher Medikamente bei Menschen mit einem BMI von über 35 – im Zusammenhang mit Folgekrankheiten auch darunter – für drei Jahre von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen. Doch sei es bisher noch schwierig, sagen zu können, was nach einer Absetzung der Medikamente passiere, zumal es für die Schweiz noch kein Zahlenmaterial gebe. Internationale Werte hätten gezeigt, dass es in der Tendenz wieder zu einer Gewichtszunahme komme. Auch weil der Setpoint im menschlichen Gehirn das genetisch festgelegte Körpergewicht respektive den Körperfettanteil zu halten versuche.

 

Bei der abschliessenden Podiumsrunde diskutierten nebst Seelig und Wieser unter der Leitung von Moderator René Buholzer auch ALLOB-Präsidentin Doris Fischer-Taeschler, Nationalrätin Bettina Balmer und Nationalrat Patrick Hässig. Im Tenor war das Anliegen aller Beteiligten spürbar, dass auch die Prävention an Schulen und im Elternhaus nicht zu kurz kommen dürfe, um Adipositas als Krankheit in den Griff zu bekommen. Auch die Voten der Club-Mitgliederinnen und -Mitglieder gingen stark in diese Richtung. Und das Thema des Abends und die provokative Frage nach einem «Lifestyle-Problem» aufnehmend, meinte die ALLOB-Präsidentin, dass gerade in den Sozialen Medien und durch bekannte Persönlichkeiten zum Teil ein falsches Bild von der Krankheit und von der Notwendigkeit eines Einsatzes von Medikamenten vermittelt werde. Erst so entstünde der fatale Eindruck, dass solche Präparate zu einem angesagten Lifestyle gehörten.