Berner Finanzplatz: Eine Realität?
Montag, 26. August 2024, Erlacherhof Bern
Moderation:
Peter Burkhalter, Vize-Präsident
Auf dem Podium:
Marc Bros de Puechredon, VRP BAK Economics
Lorenz Hess, Nationalrat und Verwaltungsratspräsident der Visana AG
Jürg Kaufmann, Leiter Wealth Management der UBS AG Bern
Stefan Moser, BEKB Leiter Marktgebiet Bern, Emmental und Oberaargau
Dr. Jan Pichler, Start-up-Unternehmer und Dozent an der Universität Bern
«Entwicklung und Prognosen Finanzplatz Bern»
Die Fragestellung des traditionellen Sommeranlasses im Erlacherhof in Anwesenheit des Stadtpräsidenten ist delikat: Gibt es überhaupt einen Finanzplatz Bern? Und was braucht es, um ihn weiterzuentwickeln und seine Position in der Schweiz zu stärken? Nach einer kurzen Begrüssung von Gastgeber Alec von Graffenried präsentiert Marc Bros de Puechredon sein Inputreferat mit dem provokativen Titel «Finanzplatz Bern: Wunschtraum oder Realität?» Das unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics AG mit Sitz in Basel ist seit 1980 für seine fundierten Prognosen bekannt. Bros de Puechredon hat an diesem Abend gemäss eigener Aussage aber keine klassische Studie dabei, sondern liefert einen kleinen Exkurs aus verschiedenen Untersuchungen zum Thema. Zuerst steckt er das Feld des Finanzsektors mit Bankdienstleistungen und Versicherungsdienstleistungen ab. Der Schweizer Finanzsektor verzeichnete in den letzten 20 Jahren eine Zunahme der realen Bruttowertschöpfung von 2,6 Prozent, die Zunahme im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt betrug 1,9 Prozent. Jeder elfte Franken kommt aus der Finanzbranche. Sie beschäftigt zurzeit rund 234’600 Personen (in FTE), die direkte Bruttowertschöpfung beträgt 70.9 Milliarden, der Steuerertrag 7,8 Milliarden (Zahlen Stand 2022).
Auffallend beim Blick auf den Wirtschaftsraum Bern ist das unterdurchschnittliche Bevölkerungswachstum. Bern figuriert unter den Top 3 hinter Zürich und Basel, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt rund 120’000 Franken. Dank der Swisscom ist Ittigen die wohlhabendste Gemeinde. Bern ist spezialisiert auf öffentliche Dienstleistungen, Zürich auf Unternehmensdienstleistungen. Die erwartete BIP-Entwicklung entspricht dem Schweizer Durchschnitt, gleichfalls die erwartete Entwicklung der Beschäftigung. Weiter ins Auge sticht die unterdurchschnittliche Anzahl von Start-ups. Pro 100’000 Einwohner verzeichnet der Wirtschaftsraum Bern 29 dieser Unternehmen, die Schweiz hingegen deren 39.
Eine Finanzbranche mit Schwerpunkt Versicherungen sei also in Bern sehr wohl vorhanden. Doch sei es effektiv fraglich, ob auch von einem Finanzplatz Bern gesprochen werden könne. Zur Definition nennt Bros de Puechredon folgende Merkmale:
-Regulierung für Transparenz und Stabilität
-Infrastruktur: moderne Technologien, Handelssysteme, Zahlungssysteme, Clearinghäuser
-Zugang zu internationalen Märkten
-Eine Vielzahl von Akteuren: Vom Investor bis zu internationalen Organisationen
-Austausch von Wissen und Ressourcen
-Innovation: Neue Finanztechnologie
-Wettbewerb zwischen den Finanzplätzen
In diesem Sinne erachtet er es als zweifelhaft aber diskussionswürdig, von Bern als einem Finanzplatz zu sprechen. Als eines der Kernprobleme für eine diesbezügliche zukünftige Entwicklung erachtet er die Besteuerung, die ein echtes Hemmnis für die Attraktivität darstelle.
In der Panel-Diskussion ist zuerst Lorenz Hess an der Reihe. Er habe sich vorgängig gefragt, weshalb er als Vertreter der Visana überhaupt zu diesem Thema eingeladen worden sei. Doch wenn er sehe, wie oft die Visana mit der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht zu tun habe, sei er wohl doch richtig hier, meint er ironisch. Das Anlagevolumen, mit dem die Visana in Bern aktiv sei, beziffert er auf rund fünf Milliarden. «Wir zahlen 23 bis 24 Millionen Steuern jährlich, 75 Prozent davon in Bern. Wir beschäftigen rund 900 Mitarbeiter hier und rangieren unter den grossen Arbeitgebern im Kanton an 34. Stelle. Wir sind Marktleader mit 24 Prozent Anteil.» Doch sei auch er wirklich skeptisch, ob Bern das Prädikat «Finanzplatz» verdiene.
Stefan Moser von der BEKB präsidiert gleichzeitig auch den Berner Bankenverband. Für ihn stellt sich die Frage, ob dieses Prädikat für Bern überhaupt zielführend und charakteristisch sei. Für ihn sind andere Stärken relevant. «Unsere Branche deckt eine grosse Breite und Tiefe ab, von der kleinen Regionalbank bis zur Grossbank.»
UBS-Vertreter Jürg Kaufmann spricht seine langjährige Erfahrung auf grossen Finanzplätzen wie London, Hong Kong und Singapur an. Heute spiele es aber nur noch eine untergeordnete Rolle, wo sich der Sitz einer Bank befinde. «Die Digitalisierung macht die Lage eines Finanzplatzes zu einem grossen Teil obsolet.»
«Das Wichtigste ist, dass wir ein Finanzland sind und nicht, dass Bern ein Finanzplatz ist. Die internationale Grundlage ist bestimmt durch die nationale Politik. Das ist zentral», hält Dr. Jan Pichler fest. Bern sei bei der Frage, wo man eine Firma gründe, aufgrund der hohen Besteuerung definitiv im Nachteil. «Aber man muss sich auch fragen: Wo sind die Kunden? Und wo haben Sie als Unternehmer mehr Konkurrenz? Wir haben eine exzellente Hochschule und dementsprechend gute Abgänger. Ich erachte Bern jedenfalls als einen guten Wirtschaftsstandort.»
Kaufmann glaubt allerdings, dass Bern als Bildungsstandort, gerade bei den Fachhochschulen, generell abgegeben habe. «Alle gehen heute nach Olten und Zürich. Wir müssen dringend Talente zurückgewinnen. Nicht nur Leute, die wegen der Lebensqualität wieder nach Bern kommen.» Pichler erwähnt die Innovationszentren EPFL in Lausanne und die ETH in Zürich im Bereich der Künstlichen Intelligenz, der immer wichtiger werde. Dazu komme das Institut Dalle Molle in Lugano, das im Bereich Robotik führend sei. Moser sagt: «Gerade aus der ETH-Kultur heraus entstehen Spin-Offs. Deshalb haben wir in Bern auch weniger Start-up-Unternehmen.»
Lorenz Hess mahnt, nicht immer nur die Politik zu bemühen und in die Pflicht zu nehmen, sondern als Unternehmer voranzugehen. Er erwähnt den erfolgreichen Zusammenschluss zwischen der Visana und Atupri. «Atupri hatte den Ruf, klein und flink zu sein. Und wir waren das Kanonenboot, das aber mehr Kraft hat.» Und er spricht als Musterbeispiel für ein erfolgreiches Zusammengehen zwischen Politik und Wirtschaft die erste integrierte Versorgungsorganisation an. Swiss Medical Network, die Visana und der Kanton Bern schlossen sich hier zusammen, um für die Bevölkerung im Jurabogen ein neues Gesundheitssystem zu schaffen. «Angestossen wurde es von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg. Es läuft nun seit anfangs 2024. Und wir haben bereits Anfragen von anderen Kantonen», so Hess.
Eine vom Finanzsektor lancierte Innovation im Bereich Nachhaltigkeit erwähnt Stefan Moser mit «myky», einer Kooperation der BEKB mit Energie Wasser Bern und der Gebäudeversicherung Bern. Entstanden ist eine Onlineplattform für Hauseigentümer zur Planung und Umsetzung von energetischen Sanierungen. «Inzwischen beteiligen sich 16 weitere Kantonalbanken an der Plattform», so Moser.
Dann geht es um das Alleinstellungsmerkmal der bernischen Finanzdienstleister. Was charakterisiert den Berner Banker? Und wie ist er vernetzt? Für Jürg Kaufmann ist hier Gstaad mit seinen Eigenheiten äusserst prägend. «Gstaad ist für den Finanzstandort Bern enorm attraktiv und wichtig, natürlich vor allem wegen der Pauschalbesteuerung. Gstaad macht einen Viertel unseres Business-Volumens aus. Ich hoffe, Bern wird diesen Vorteil nie aus der Hand geben.»
Lorenz Hess betont noch einmal: «Bern ist aktuell kein Finanzplatz. Und man kann so etwas auch nicht hinzaubern. Was aber hier grundsätzlich vermehrt nötig ist, sind Leuchttürme im unternehmerischen Bereich wie die Bernexpo. Mit dabei sind die Mobiliar, die Securitas, die Visana über die Beteiligungen AG, die BEKB und HRS. Wenn wir vermehrt derartige Projekte realisieren können, kommt der Finanzplatz von selber.» Stefan Moser erwähnt als Leuchtturm-Beispiel zusätzlich den Insel-Campus.
Punkto typischer Charakteristik wirft Jan Pichler auch die Berner Bescheidenheit in die Waagschale und erwähnt «Klischee-Zürcher» aus dem Bankenbereich, die gerade bei Verkaufsverhandlungen weniger vertrauenswürdig auf ihn gewirkt hätten als ihre Berner Kollegen. «Da sollten Sie vorsichtig sein. Ein Berner mit seiner Bodenständigkeit wird mehr für Sie herausholen und weniger auf sich schauen. Das ist ein wichtiger USP von uns.»
Das Schlusswort hat schliesslich wiederum der Gastgeber. Stadtpräsident Alec von Graffenried bemerkt launig, er könne leider noch keine Steuersenkung bekannt geben. Zumal der grosse Hebel hierzu beim Kanton liege. «Ich werde in nächster Zeit nicht mehr vom Finanzplatz Bern sprechen. Aber wie mir scheint, hat die Berner Finanzwirtschaft sehr gute Perspektiven.»
