Zeitenwende – Chancen und Risiken für die Entwicklung der schweizerischen Rüstungsindustrie
Die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Lange Zeit herrschte in Europa die Erwartung, dass die Welt automatisch friedlicher, demokratischer und stärker regelbasiert werde. Handel schien Wohlstand zu schaffen, internationale Regeln schienen stabil, und viele Gesellschaften gingen davon aus, dass andere Staaten allmählich zu ähnlichen politischen und wirtschaftlichen Modellen finden würden. Diese Gewissheiten haben sich als Illusion erwiesen. Heute prägen Abschottung, Wettbewerb der Systeme, Protektionismus und die Rückkehr machtpolitischer Logiken die internationale Ordnung.
Europa steht dabei besonders unter Druck. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine markiert den Versuch, die europäische Ordnung grundlegend umzugestalten. Dabei geht es nicht um territoriale Detailfragen, sondern um eine strategische Verschiebung: die Schwächung europäischer Institutionen, die Erosion von Sicherheitsgarantien und die Etablierung eines Umfelds, in dem europäische Staaten politisch wie wirtschaftlich erpressbar werden könnten. Viele der Hoffnungen, der Krieg werde bald enden, haben sich als trügerisch erwiesen. Ohne eine grundlegende Veränderung der europäischen Strategie könnte der Konflikt noch Jahre andauern.
Parallel dazu verändert sich die Natur moderner Kriegsführung. Neue Technologien – insbesondere Drohnen, autonome Systeme, Satellitenkapazitäten und kostengünstige Präzisionsmittel – haben die ökonomischen und operativen Rahmenbedingungen von Konflikten verschoben. Entscheidend ist nicht mehr die Produktion einzelner grosser Waffensysteme, sondern die Fähigkeit, technologisch überlegene Systeme in relevanten Stückzahlen bereitzustellen. Macht in der Welt von heute entsteht dort, wo Staaten technologische Führungsfähigkeit besitzen und bereit sind, sie einzusetzen.
Für Europa bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: einerseits sicherheitspolitisch, andererseits wirtschaftlich. Wenn die Vereinigten Staaten ihre globale Rolle weiter reduzieren, wird Europa eigene Fähigkeiten entwickeln müssen, um Stabilität, Abschreckung und Selbstbehauptung zu gewährleisten. Gleichzeitig entscheidet technologische Souveränität zunehmend über langfristigen Wohlstand. Wer bestimmte Schlüsseltechnologien nicht beherrscht, riskiert, von globalen Lieferketten und politischen Entscheidungen anderer abhängig zu werden.
Die Diskussion im Club Politique de Berne machte deutlich, dass die kommenden Jahre entscheidend sein werden. Europa braucht Geschwindigkeit, strategische Klarheit und die Bereitschaft, neue industrielle und sicherheitspolitische Wege zu gehen. Die Frage lautet nicht, ob wir uns anpassen wollen, sondern ob wir es rechtzeitig tun. Denn es geht letztlich um die Fähigkeit, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand für kommende Generationen zu sichern.

